Arbeitsgelegenheit

Sie sorgen für mehr Lebensqualität

Still und unbemerkt

Westerkappeln – Seit fast 14 Jahren gibt es die Beschäftigungsinitiative Westerkappeln. Sie operiert im Stillen nahezu unbemerkt in der Gemeinde. Sie zu finden ist nicht leicht. Hinweisschilder sucht man vergeblich. Insider wissen, ihr Büro befindet sich in der Volkshochschule.

Dabei leisten die Beschäftigten unverzichtbare Dienste für Westerkappeln und die Nachbargemeinde Lotte. Woche für Woche sammeln sie rund 2.400 Liter Müll in den Gemeinden, den sie sauber verpackt in 20 blauen Säcken abtransportieren. Jeden Montag reinigen sie beispielsweise im Ortsteil Büren den Buswendeplatz Endstation. Denn am Wochenende fällt dort immer besonders viel Unrat an.

„Die Beschäftigten sind so etwas wie die Heinzelmännchen der Gemeinde“, betont Judith van Tübbergen, Mitarbeiterin der Gemeinde Westerkappeln und dort zuständig für die Beschäftigungsinitiative. Nicht nur die Busstation wird von ihnen gesäubert, sie übernehmen außerdem die Grünflächenpflege in Kindergärten sowie im Sportverein und im Freibad. Sie reinigen Straßenschilder, bauen die Buden für den örtlichen Weihnachtsmarkt auf, streichen im Bedarfsfall die Wartehäuschen der Bushaltestellen, übernehmen Hausmeistertätigkeiten in öffentlichen Gebäuden und beseitigen wöchentlich die Fernfahrer Hinterlassenschaften am Velper Mühlenbach. Sie sorgen also für mehr Sauberkeit und damit verbunden gesteigerte Lebensqualität in Westerkappeln und Lotte.

Arbeitsgelegenheit - was ist das?

Doch was verbirgt sich hinter der Beschäftigungsinitiative Westerkappeln? Kurz gesagt: es ist eine sogenannte Arbeitsgelegenheit des jobcenters Kreis Steinfurt. Männer und Frauen, die schon lange arbeitslos sind, erhalten hier die Chance, langsam wieder in das Berufsleben einzusteigen.

Mit Arbeitsgelegenheiten schafft das Jobcenter zusätzliche, wettbewerbsneutrale Tätigkeitsfelder von öffentlichem Interesse für Langzeitarbeitslose. „Das heißt mit diesen Angeboten beeinträchtigen oder ersetzen wir keine bestehenden Arbeitsplätze und stehen auch nicht mit diesen in Konkurrenz“, so Tomas Götzmann, Leiter des Eingliederungsmanagements beim Jobcenter. Ziel dieser Arbeitsmöglichkeiten: Sehr arbeitsmarktferne Personen haben hier die Möglichkeit ihre Lebenssituation zu stabilisieren, eine Tagesstruktur zu finden und die eigene Belastbarkeit zu erproben.

Bei der Beschäftigungsinitiative Westerkappeln variiert die Teilnehmerzahl. „Vor einigen Jahren waren auch schon mal zwanzig Personen hier beschäftigt. Heute sind es zehn“, weiß Michael Hoge, zuständiger Mitarbeiter im jobcenter Kreis Steinfurt. Er ist neben Judith van Tübbergen verantwortlich für die Beschäftigungsinitiative. Seine Aufgabe ist es, vorab zu klären, wer für welche Aufgaben und Tätigkeiten in Frage kommt. „Natürlich versuchen wir immer auch, die Wünsche und Vorstellungen der potenziellen Teilnehmenden zu berücksichtigen“, erklärt der erfahrende Arbeitsvermittler. Viele der Teilnehmenden, so Hoge weiter, seien Menschen, die irgendwann im Leben aus der Bahn geworfen worden seien. Krankheiten, Unfälle oder persönliche Schicksalsschläge seien die häufigsten Ursachen dafür. So wie bei Günter K. Der 59-Jährige hat zwei Ausbildungen erfolgreich absolviert. Er ist gelernter Maurer und Zimmermann. Alles lief gut – bis der Alkohol zum Problem wurde. Dann der Absturz. Jetzt absolviert er die Arbeitsgelegenheit und versucht zurückzufinden in ein normales, geregeltes Leben. Jeden Morgen kommt er jetzt zur Beschäftigungsinitiative. Seine Arbeit beginnt um 8.30 Uhr. Um 12.30 Uhr ist Feierabend.

So wie er nutzen viele Menschen im Kreis eine Arbeitsgelegenheit für einen Neuanfang. Im vergangenen Jahr lag die durchschnittliche Teilnehmerzahl bei 545 Personen. Sie alle erhielten für ihren geleisteten Dienst zum Wohl der Allgemeinheit eine Entschädigung für Mehraufwendungen, die nicht auf ihr Arbeitslosengeld II angerechnet wurde. „Es sind die sogenannten Ein-Euro-Jobber“, erläutert Hoge.

Was kommt danach?

Wie viele Stunden Günter und seine Kollegen pro Woche gearbeitet haben, weiß Tobias F. Der 43-Jährige ist gelernter Bürokaufmann. Im Rahmen seiner Arbeitsgelegenheit koordiniert und plant er die Arbeitseinsätze der Beschäftigungsinitiative, schreibt die geleistet Stunden der Teilnehmenden auf, bearbeitet Aufträge – kurz: er ist für den Papierkram zuständig. „Ich komme gerne zur Arbeit, mag die Verantwortung und schätze das Vertrauen, das mir das Jobcenter in Person von Herrn Hoge entgegenbringt“, so Tobias F.

Lange wird er jedoch nicht mehr Teil der Beschäftigungsinitiative sein. „Der Gesetzgeber sieht vor, dass Männer und Frauen im Leistungsbezug innerhalb von fünf Jahren nur zwei, in Ausnahmefällen auch drei Jahre in einer Arbeitsgelegenheit tätig sein können“, so Hoge. Bei Tobias F. ist diese Zeit fast rum. Was danach kommt, weiß er noch nicht. Bewerbungen laufen. Sein Problem: er ist sehbehindert. Einen Führerschein kann er deshalb nicht machen. Örtlich ist er also gebunden. Aber die Hoffnung hat er noch nicht aufgegeben. Sein Vorbild ist Wilhelm Hindersmann. Sein Vorgänger hat es aus der Arbeitsgelegenheit direkt in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung geschafft. Der gelernte Systemadministrator war seit längerem arbeitslos. Dann bot ihm Hoge vor drei Jahren die Möglichkeit, in der Beschäftigungsinitiative tätig zu werden. Nach den zwei Jahren dort übernahm die Gemeinde Westerkappeln ihn, aufgrund der guten Arbeit, die er geleistet hatte, für ein Jahr. Direkt danach folgte die Anstellung in einem Callcenter in Osnabrück. Heute arbeitet er immer noch dort. Mittlerweile hat er einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Die Arbeitsgelegenheit kann also durchaus Sprungbrett in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sein. Jeder Fünfte schafft es. Die Teilnehmenden der Beschäftigungsinitiative haben die Hoffnung darauf daher nicht aufgegeben.